Auf zur Rotwildfütterung

Normalerweise besuchen wir Ende Januar die Rotwildfütterung am Spitzingsee. Aber durch den milden Winter und den wenigen Schnee hat sich der Termin verschoben. Das Rotwild zog kaum in die Fütterung, weil es draußen noch genug fand. Also zogen wir erst Anfang März los. Treffpunkt war wie immer die Schranke in Spitzingsee.

Pünktlich um 14:00 Uhr sind alle da, trotz übervoller Parkplätze. Erst noch auf der Stundenliste unterschreiben, dann kann es los gehen.
Revierförster Bernhard Reißner stößt zu uns, er wird uns wieder viel über den Bergwald erzählen und mit uns zur Wildfütterung wandern.
Er heißt uns herzlich willkommen und lädt uns ein in die Wurzhütte. Denn es ist kalt und unfreundlich. Deshalb setzen wir uns für den theoretischen Teil erst mal in die Holzerstuben.

Bernhard Reißner erklärt uns, warum der Bergwald etwas ganz besonderes und viel aufwändiger zu bewirtschaften ist, als Wald im Flachland. 6000 ha Fläche bewirtschaftet er hier im Spitzinger Berggebiet, 1500 ha davon sind so genannte Sanierungsflächen.
In seinem Bergwald werden 6000 Festmeter Holz eingeschlagen. Der Festmeter entspricht einem Kubikmeter Holzmasse ohne die Zwischenräume. Errechnet wird das durch die Stammlänge und den Stammdurchmesser.
6000 Festmeter sind wenig im Vergleich zu einem Forstrevier im Flachland, dort holt man von der gleichen Fläche mehr als das Doppelte, etwa 15 000 Festmeter

Die geeigneten Baumarten hier im Spitzinggebiet:
Fichte, Tanne, Buche, also die Arten des klassischen Bergmischwaldes, Lärche, Bergahorn, Esche, Mehlbeere und Kiefer. In einigen Revierteilen ist auch die Eibe zu finden.
Im Bergwald braucht man viel Geduld, bis aus dem Jungwuchs große Bäume werden. Ein Baum wächst jedes Jahr etwa einen bis maximal 30 Zentimeter, im Flachland dagegen liegt der jährliche Zuwachs bei 10 bis 100 Zentimeter. Eine ein Meter hohe Fichte, die im Flachland vielleicht acht bis zehn Jahre alt ist, bringt es im Gebirge durchaus bis zu einem Alter von bis zu 40 Jahren. So langsam wächst das Holz.

Noch etwas ist im Berwald anders als im Flachland: Die Pflanzung junger Bäume ist extrem schwierig und teuer: Jedes Bäumchen, das gepflanzt wird, kostet drei bis fünf Euro. Da geht eine Aufforstung schnell in die Hunderttausende.
Teuer und schwierig ist auch die Bewirtschaftung auf den Steilhängen, erklärt Revierförster Bernhard Reißner, sie kann teilweise nur mit der Seilwinde besarbeitet werden. So wie auf dem Hang gegenüber der Fütterung etwa, dort gibt es keinerlei erschlossene Forstwege, auf der Holzerntemaschinen fahren könnten.
Hinzu kommt: Im Raum Schliersee und Spitzingsee erfüllt der Bergwald vor allem eine Schutzfunktion, Schutz vor Lawinen und Steinschlag. Schließlich muss die Spitzingstraße das ganze Jahr über gut befahrbar sein. Die Gemeinde lebt fast ausschließlich vom Tourismus. Über 17 000 ha der Fläche vom Forstbetrieb Schliersee gelten als so genannter Schutzwald.

Wegen des langsamen Wachstums der Bäume, wegen der hohen Kosten für die Verjüngung der Wälder und zum Erhalt des Schutzwaldes, kommt der Jagd im Bergwald besondere Bedeutung zu.
Im Forstbetrieb Schliersee ein ausgefeiltes Jagdmanagement-System.
Die wichtigsten Schwerpunkte dieses Sytems heißen: Rehwild wird intensiv bejagt.
Für die Rotwildjagd werden zeitliche Intervalle festgelegt. Das heißt, für Rotwild gelten lange Schonzeiten und eine relativ kurze, intensive Jagdzeit. Außerdem wurden Jagdruhezonen eingerichtet. Gamswild schließlich wird auf den Almböden nicht bejagt, sondern nur in den Waldgebieten.

Nachdem alle Fragen rund um den Wald erst einmal geklärt sind, geht es zur Wildfütterung. Der Weg führt entlang der Valepp, vor uns liegt der Schinder. Der Blick in den Winterwald istwunderschön. Der Weg bis zur Schaufütterung ist nicht lang.
Berufsjäger Engelbert Holzner kommt gerade als wir den Eingang erreichen. Er sperrt das große Tor auf. Gemeinsam stapfen wir den steilen Anstieg zur Aussichtshütte hinauf.
Eine Menge Besucher sind auch schon da, wir richten uns in der Schauhütte ein.

Jeden Tag um 15:00 Uhr legt der Berufsjäger dem Rotwild Futter vor.
In den kalten und schneereichen Monaten findet die Tiere in höheren Lagen nicht mehr genug Nahrung. Normalerweise machen sie sich dann auf den Weg in flachere Regionen. Früher wanderte das Rotwild in die Talniederungen entlang der Flussauen bis zur Isar. Heute haben Besiedlung und Verkehrswege diese Routen abgeschnitten, das Rotwild muss im Winter im Gebirge bleiben.

Während wir in der Hütte auf Beobachtungsposten gehen, füllt Engelbert Holzner die Raufen. Vorgelegt werden Maissilage und Grassilage als so genanntes Saftfutter und Heu.
Rotwild braucht viel Rohfaser und Struktur im Futter. Es darf auf keinen Fall gemästet werden. Das Wild hat im Winter den Stoffwechsel heruntergefahren und lebt normalerweise vom Feist, also von seinen Fettreserven, die es sich im Herbst angefressen hat.
Je nach Umgebung und Witterung nimmt ein ausgewachsener Hirsch täglich bis zu 20 Kilo Futter auf. Pro Tag braucht ein Tier außerdem ungefähr 10 Liter Wasser, das heißt, im Wintergatter muss es unbedingt Zugang zu einem Bach geben, sonst sind Schälschäden programmiert.

In der Hütte ist es still geworden. Alle warten gespannt, ob sich Wild einstellen wird.
Da die ersten Stücke kommen

Im Gatter am Spitzingsee überwintern etwa 45 Tiere, erklärt uns Engelbert Holzner. Ihnen steht eine eingezäunte Fläche von 27 Hektar zur Verfügung, das entspricht etwa 5000 Quadratmeter pro Tier. Der schneestabile Zaun ist zwei Meter hoch. Im Januar werden die Tore dicht gemacht, aber über so genannte Einsprünge kann das Wild auch später noch zu den Futterplätzen kommen.
Der Zaun schützt das Wild im Winter vor Störungen. Im Frühjahr dagegen hält er Hirsche und Kahlwild zurück, um die frischen Austriebe im Bergwald vor Verbiss zu schützen. Erst im Mai, sobald die Gräser ausgetrieben haben, wird das Rotwild wieder in die freie Natur entlassen.

Der Tagesablauf der Tiere ist klar strukturiert: Nahrungssuche - Fressen - Wiederkäuen - Ruhen. Insgesamt verbringt Rotwild bis zu sieben Stunden mit der Nahrungsaufnahme.
Engelbert zeigt uns die einzelnen Futtermittel und erklärt an einer Abwurfstange, den Geweihaufbau.
Im Bild: Grassilage

So sieht ein Hirsch im zweiten Kopf aus.
Die Geweihbildung beim Hirsch ist hormongesteuert. Der Hormonspiegel ist abhängig von der Sonneneinstrahlung und der Tageslichtlänge.
Jetzt, wenn die Tage länger werden, nimmt der Gehalt an Testosteron ab, während der Gehalt an Wachstumshormonen ansteigt. Mit den Wachstumshormonen wächst das neue Geweih und schiebt sozusagen das alte ab. Hirsche werfen im März ab. Erst nach der Sommersonnenwende, wenn die Tage wieder kürzer werden, geht das Wachstumshormon im Körper der Hirsche wieder zurück, gleichzeitig steigt der Gehalt an Testosteron an. Wenn das Geweih vollständig ausgebildet ist, ist der Testosteron-Gehalt beim Hirsch am höchsten. Unmittelbar danach beginnt die Brunft.

Bis zum dritten Kopf, also bis zum vierten Lebensjahr gehört der Hirsch in Klasse 3. Bis zum 10. Kopf spricht man von Klasse 2 - Hirschen, danach sind es Einser-Hirsche. Genau hinschauen muss man vor allem auf die Kronen, denn Kronenhirsche - wie hier im Bild - werden auf den meisten Jagden nicht frei gegeben.

Nachdem wir das Wild lange betrachtet haben, machen wir uns auf zu unserem letzten Programmpunkt: Zur Brotzeit in der Albert-Link-Hütte. Ziemlich ausgefroren und mit riesigem Hunger stapfen wir zur Hütte hinauf.
Die Wirtsleute Ute Werner und Uwe Gruber haben extra den Pavillion für uns hergerichtet und verwöhnen uns nun mit den feinsten Leckerbissen. Vielen Dank für Eure Gastfreundschaft.
Spendiert hat den leiblichen Genuss übrigens der Münchner Jägerverein, herzlichen Dank an unseren Vorsitzenden Claus Emig.
Bedanken möchten wir uns auch ganz herzlich beim Revierförster Bernhard Reißner und beim Berufsjäger Engelbert Holzner, die sich beide für uns am Sonntag Zeit genommen haben und natürlich auch bei den Bayerischen Staatsforsten, dem Forstbetrieb Schliersee, der uns alle Jahre wieder zum Besuch ins Revier Spitzing einlädt.