Morgenstund hat Gold im Mund

Früh aufstehen hieß es für unseren Jagdkurs am 20. Juni. Denn da stand die Exkursion zum Ismaninger Speichersee auf dem Programm. Nicht zum Baden, sondern zum Staunen und Studieren. Denn der Speichersee 20 km nordöstlich von München hat viel zu bieten.

Der Ismaninger Speichersee, ein Stausee des mittleren Isarkanals ist circa sieben Kilometer lang und etwa einen Kilometer breit und wurde 1929 zur Abwasserreinigung angelegt. 1962 wurde er zum Europareservat, 1976 zum Ramnsar-Gebiet, also zum Vogelschutzgebiet von internationaler Bedeutung erhogen. Seitdem das Wasser eingelassen wurde, hat sich sukzessive eine Auenlandschaft entwickelt, so dass keiner der typischen Auenbäume wie Silberpappel, Schwarzpappel, Esche und Flatterulme älter als 84 Jahre ist.

Neben der natürlichen Nachklärung der Münchner Abwässer im Winter kommt dem Speicherseegebiet auch Bedeutung bei der Stromerzeugung über die Kraftwerke am Isarkanal und beim Hochwasserschutz zu. Dadurch variieren Wasserstand und vorherrschende Strömung des Sees. Geklärtes, aber nährstoffreiches Abwasser wird ständig den rund 80 Fischteichen am Südufer des Sees zugeführt. Davon wiederum profitieren viele Kleinstlebewesen, wie zum Beispiel die Armleuchteralgen. Vor allem aber bietet der Speichersee für Vögel aller Art einen willkommenen Rastplatz vor ihrem Weiterzug. Finden die Vögel doch hier Nahrung im Überfluss und ungestörte Nist- und Mauserplätze.

In manchen Jahren machen mehr als 8.000 Kolbenenten hier Station zur Mauserung.

Mauersegler kommen bisweilen aus Stuttgart, um die hier in Massen aufsteigenden Zuckmücken zu jagen. In diesem Jahr hat die Kälte und Nässe jedoch vielen von ihnen den Garaus gemacht, denn der erhoffte Insektenflug blieb aus.

Gerade die Landstreifen zwischen den Teichen und die den See umgebenen Flächen dienen den Wasservögeln zur Rast, zum Trocknen und Aufwärmen und Putzen des Gefieders. Die Wasserflächen werden von ihnen fast ausschließlich zur Nahrungsbeschaffung genutzt. Vögel brauchen Ruhe und Entspannung, sonst können sie nicht richtig und erfolgreich mausern.

Nur wenige Stellen des Naturschutzgebietes sind für Besucher und Angler zugänglich.  Ansonsten können Interessierte an Exkursionen unter fachkundiger Leitung teilnehmen, so wie es der Münchner Jägerverein schon etliche Jahre für seine Jagdschüler während ihrer Jägerausbildung anbietet. Dieses Angebot wurde auch heuer wieder gerne angenommen und so kamen wir in den Genuss  einer Vogelexkursion unter Leitung von Manfred Siering, dem Vorsitzenden der Ornithologischen Gesellschaft Bayern. So hieß es wieder sehr früh aufstehen, denn bei der Vogelbeobachtung hat „Morgenstund“ tatsächlich „Gold im Mund“.

Gleich am Eingang in das abgesperrte Gebiet liegt das sogenannte Hüttenbuch über vogelkundliche Beobachtungen in diesem Gebiet auf, das bis auf das Jahr 1944 lückenlos bis zum heutigen Tag geführt wurde und wird.

Gleich zu Beginn unserer Wanderung weist uns unser porminenter Vogelkenner auf die Problematik der Entenjagd hin. Denn vor allem fliegende Enten können sehr schnell mit seltenen, gefährdeten  Arten verwechselt werden. Im Speichersee-Gebiet ist die Jagd übrigens generell verboten. 

Dafür droht den Vögeln heute eine andere Gefahr: Die Windräder. Windräder mit einer maximalen Höhe von 210 Metern und einer Rotorfläche von ca. 1,7 Hektar, lassen den durchziehenden Vögeln kaum eine Chance. Bisher konnten die Proteste der Ornithologen verhindern, dass in unmittelbarer Nähe zum Seengebiet Windräder aufgestellt wurden.

Wei über 40 Vogelarten konnten wir auf unserer Wanderung sehen oder wenigstens verhören. Darunter waren ganz gewöhnliche Arten wie Graugans, Höckerschwan, Lachmöwe, Goldammer, oder Mönchgrasmücke, aber auch viele seltene Arten wie Schwarzhalstaucher, Schnatter- und Kolbenente, Rohrweihe, Pirol oder verschiedene Rohrsängerarten. Oftmals waren die Tiere nur durch ihre Lautäußerungen auszumachen und konnten dann mit viel Glück im Spektiv erspäht werden.

Selbst die gefürchtete Mittelmeermöwe brütet hier erfolgreich und begeht auch hier ihre Raubzüge. Dann ist die Lachmöwenkolonie sofort in Alarmbereitschaft und versucht mit ohrenbetäubendem Lärm den Feind zu vertreiben.

Der Ruf einer Turteltaube - einer bei uns heimischen, aber äußerst seltenen Wildtaube - konnte Dank der geübten Ohren von Manfred Siering ausgemacht werden. Dann erläuterte er uns auch die Besonderheit der Brutbiologie des Kuckucks. Mit Hilfe seines mp3-Players konnte er sogar einige Kuckucke heranlocken.

Auf der „Kormoraninsel“ beobachteten wir mit Hilfe des Spektivs Kormorane und Graureiher mit erwachsenen Jungen, verschiedene Gänse- und Entenarten beim Rasten und bei der Futtersuche in den flachen Gewässerzonen rund um die Insel.

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In diesem Jahr waren die Wanderfalken aus ihrem Nistkasten hoch oben in einem der Strommasten bereits ausgeflogen. Auch die in diesem Gebiet brütenden Baumfalken waren leider nicht zu entdecken.

Für die botanisch Interessierten gab es eine große und bunte Pflanzenvielfalt am Wegesrand zu bestaunen: Wundklee, Thymian, Karthäusernelke, Weiße Lichtnelke, Riesensalbei, Pyramidenehrenpreis, mediterraner Nelkenkopf, Roter Hartriegel, Pippau, Taubenkopf-Leimkraut, Sonnenröschen, verschied. Flockenblumenarten, Wiesenbocksbart, Aland, Taubenscabiose und viele mehr.

Auf dem Rückweg zur Mittagszeit bei großer Hitze bekamen die Teilnehmer außerdem einen interessanten Einblick in die enormen Navigations- und Orientierungsleistungen der Tiere während des Vogelzugs und konnten noch brennende Fragen an Manfred Siering loswerden.
Vielen Dank für die tollen Eindrücke.

Alle Beteiligten waren sich einig, dass auch im nächsten Jahr wieder eine derartige Vogelexkursion stattfinden muss.

C. Gangl

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